WM-Check: Wer wird Weltmeister 2017?

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Wer wird Weltmeister in Tischfußball? In wenigen Tagen findet der World Cup in Hamburg statt. Cornelius Kniepert hat die Chancen der Favoriten ausgerechnet.

Welche Nation wird am Ende den Weltmeister-Titel nach Hause holen? Unser Autor Cornelius Kniepert ist in die Details der Mannschaftsaufstellung, Stärken und Schwächen sowie Konstitution von Einzelspielern und Mannschaften eingetaucht. Herausgekommen ist eine umfassende Analyse. Wie die Chancen für Deutschland wohl stehen?

Dabei stellt sich natürlich die interessante Frage, welche Nation das Rennen machen wird? Für den WM-Check werde ich auf den Favoriten-Kreis der Herren-Teams eingehen und drei Kriterien genauer betrachten.

1. Qualität der Einzelspieler

An erster Stelle ist natürlich auf besonders starke Spieler der Mannschaften zu schauen. Wie viel Turniererfahrung bringen die einzelnen Spieler mit, welche Titel haben sie bisher errungen und wie hoch sind ihre technischen Fertigkeiten am Tisch? Besonders an der WM ist zudem das Multitable-Format. Die Mannschaften wählen sich also einen Heimtisch und bestreiten die Spiele abwechselnd auf dem eigenen und dem gegnerischen Tisch. Da die Tischeigenschaften mitunter sehr verschieden sind, ist dieser Faktor nicht zu unterschätzen. Nur weil ein Spieler ein gutes Spiel auf Leonhart hat, muss das nicht heißen, dass er diese Qualität auch auf einen Bonzini oder einen Tornado übertragen kann.

2. Breite des Kaders

Ein Topspieler alleine reicht nicht, um einen Teamwettbewerb zu gewinnen. Davon kann Frederic Collignon wahrscheinlich ein Lied singen. Dafür, dass er über lange Zeit fast unumstritten als bester Spieler der Welt galt – und wahrscheinlich auch noch gilt – hat er im Vergleich zu den Individualdisziplinen wenige Titel in Teamwettbewerben errungen. Beim WM Format werden 6 Spieler aufgestellt, demnach wären 6 Top-Spieler auf ihrer Position (Torwart, Stürmer, Einzelspieler) wohl das Optimum.

3. Team-Chemie

Das Kriterium der Team-Chemie ist nicht ganz einfach zu greifen. In erster Linie geht es natürlich darum, dass sich die einzelnen Spieler auf menschlicher Ebene verstehen und auf sportlicher Ebene respektieren. Die Spieler müssen sich zu einem gewissen Grad untereinander wohlfühlen, gegenseitig kennen und daran glauben, dass sie mit diesem Team das Turnier auch gewinnen können. Dabei hilft es natürlich, wenn man regelmäßig miteinander spielt oder schon mehrfach in der gleichen Konstellation Turniere bestritten hat.

Darüber hinaus verstehe ich unter diesem Punkt aber auch das Potential, dass Spieler für die Mannschaft über sich hinauswachsen. Manche Spieler können sich besonders gut motivieren, wenn sie nicht nur für sich selbst spielen, sondern die Erwartungen und Hoffnungen eines Teams auf ihren Schultern ruhen. Wenn man den Rückhalt des eigenen Teams durch deren Anfeuerungen und physische Präsenz spürt, ist das ein besonderes Gefühl, welches den ein oder anderen Spieler sich selbst übertreffen lässt. So hat z.B. Billy Pappas, der scheinbar ab und zu an Motivationsproblemen leidet, im Nationalteam noch nie ein Spiel in der KO-Runde verloren. Kommen wir nun zu den Mannschaften, die zu den Weltmeister-Favoriten gehören. 

Deutschland

Fangen wir an mit dem Gastgeberland. Deutschland hat weltweit betrachtet eine große Anzahl an Tischfußballspielern und wahrscheinlich auch eine große – wenn nicht die größte – Turnierszene. In Europa kann man das daran erkennen, dass sich auch regelmäßig nichtdeutsche Spieler auf den Turnieren blicken lassen. Allein schon durch diese Tatsache steht der deutschen Nationalmannschaft ein großer Pool an möglichen Nationalspielern zur Verfügung, welche alle eine hohe Qualität besitzen. So stellt das Line-Up mit Ruben Heinrich (Kapitän), Minyoung Bai, Alex Di Bello, Felix Droese, Oke Harms, Chris Marks, Benni Struth, Marvin Velasco und Johannes Wahle einen durchaus stark besetzten und breiten Kader dar.

Allerdings hat sich trotz dieser Voraussetzungen der ganz große Erfolg in den letzten Jahren nicht eingestellt. Dies könnte daran liegen, dass Deutschland – ähnlich wie beim echten Fußball – nicht den einen Weltstar in der Mannschaft hat. Vielleicht liegt es auch daran, dass sich der Heimtisch Leonhart für die meisten Gegner einfacher spielen lässt, als die Heimtische der anderen Nationen für die deutschen Spieler. Deutschland hätte in diesem Fall quasi ein Multitable-Handycap. Darüber hinaus ist zu bedenken, dass die Mannschaft für die anstehende Weltmeisterschaft stark umstrukturiert wurde und sich das Team demnach auch erstmal „finden“ muss, um bei diesem Turnier erfolgreich zu sein. Auch wenn Deutschland bei dieser Ausgangslage kein absoluter Top-Favorit auf den Titel sein dürfte, so ist der ganz große Wurf den Spielern zweifelsohne zuzutrauen!

USA

Als nächstes kommen wir zu den USA und damit zu einem Top-Favoriten auf den Titel. Auch wenn die Tischfußballszene in den USA heutzutage relativ klein ist, lebt diese Nation immer noch von der „goldenen Ära“ des Tischfußballs in den 1970er Jahren. Im Rahmen der damaligen Turnierserien wurden zum ersten Mal fünfstellige Beträge an Turniersieger ausgezahlt und die Popularität des Kickerns erreichte dadurch ihren Höhepunkt. Die Spieler der damaligen Zeit sind heute zwar nicht mehr aktiv, doch deren Kinder umso mehr.

Wenn man nach den besten fünf Spielern der Welt fragt, dann befinden sich nicht selten Billy Pappas, Tony Spredeman und Ryan Moore unter den aufgeführten Namen. Wenn man Frederic Collignon fragt, dann würde er wahrscheinlich seinen langjährigen Partner Todd Loffredo in die Liste aufnehmen. All diese vier Spieler sind Bestandteil des US-amerikanischen Kaders. Es besteht kein Zweifel an der individuellen Qualität dieser Spieler. Gerade auf dem Heimtisch Tornado sind sie kaum zu schlagen. Dazu kommt, dass neben diesen Topstars auch der restliche Kader mit Robert Mares (Captain), Ezekiel „Iceman“ Moore (Coach), Dave Gummeson, Tracy McMillin, Terry Rue und Tom Yore äußerst stark besetzt ist. Es gibt kein erfahreneres Team als die USA und dies spiegelt sich auch in den Platzierungen der letzten drei Teilnahmen an der Weltmeisterschaft wieder (Silber 2015, Gold 2014, Bronze 2013).

Wenn man nach einem Schwachpunkt suchen möchte, dann kann man sich eventuell auf den Multitable-Modus konzentrieren. Denn auch wenn z.B. Billy Pappas scheinbar mühelos zwischen den einzelnen Tischtypen hin und her wechselt, so lassen sich bei anderen Spielern gerade im Offensivspiel durchaus Unterschiede zum Heimtisch feststellen. Tony Spredeman wird auf den anderen Tischen seiner einzigartigen Fünferreihe beraubt und auch die anderen Spieler müssen ihr Spiel auf den anderen Tischen entsprechend anpassen. Von einer „Schwäche“ kann man in diesem Zusammenhang aber trotzdem nicht sprechen; nur, wenn man die USA schlagen kann, dann wahrscheinlich nicht auf ihrem Heimtisch.

Luxemburg

Der zweite Top-Favorit in der Liste ist Luxemburg. Ganz besonders vor dem Hintergrund, dass sie die letzte Weltmeisterschaft 2015 gewonnen haben und im Finale die USA bezwingen konnten. Diese Mannschaft zeichnet sich dadurch aus, dass sie einen sehr starken und leistungshomogenen Kader haben. Dazu gehören Yannick Correia, Daniel de Macedo, Carlos Da Siva, Christophe Dias, Steve Dias, Fabio Ferreira, Bruno Goncalves und Leonardo Stamerra. Der einzige Spieler, der mit seiner internationalen Erfahrung und seinem Talent vielleicht etwas heraussticht, ist Yannick Correia. Manche Spieler werfen ihm vor, dass ihm in manchen Situationen die mentale Stärke und Cleverness fehlt, doch kann er dieses vermeintliche Defizit durch seinen Trainingseinsatz und seine spielerischen Fertigkeiten mehr als kompensieren. Sonst wäre er wohl kaum 2008 Weltmeister im Einzel geworden. Doch auch der restliche Kader besteht ausschließlich aus sehr starken Spielern, welche allesamt zu den Topspielern Europas gehören.

Darüber hinaus sind zum Team Luxemburg noch zwei Aspekte zu erwähnen. Zum einen kennen sich die Spieler in- und auswendig und verbringen wahrscheinlich mehr Zeit gemeinsam am Tisch, als die Teams aller anderen Nationen. Außerdem sind die Spieler regelmäßig auf zahlreichen europäischen Turnieren vertreten und spielen dadurch regelmäßig auf den verschiedenen Tischmodellen. Weiterhin kennen sie alle europäischen Topspieler sehr gut. Diese Multitable-Fertigkeiten und dieser Informationsvorteil können gerade bei dem Modus der Weltmeisterschaft einen Unterschied machen.

Frankreich

Eine Nation, die auf jeden Fall erwähnt werden sollte, ist Frankreich. Zur Weltmeitserschaft 2013 konnte sich das Team im Finale gegen die USA durchsetzen, im Jahr 2014 gab es den 3. Platz. Der Kader ist mit Gaël Lagrange, Miguel dos Santos Lote, Jean-Marie Blanchard, Sébastien Zapater, Sébastien Meckes, Julien Lebecq, Driss Hassan, Adel Yousfi und Maxime Blin stark und breit besetzt. Auch wenn Frankreich vielleicht die internationalen Topstars fehlen, so ist das Team zweifelsohne für jeden Gegner unangenehm zu spielen. Dies liegt zum einen an der hohen Qualität der einzelnen Spieler und zum anderen ihrem Heimtisch Bonzini. Dieser Tisch weist die am wahrscheinlich stärksten abweichenden Spieleigenschaften von allen anderen Tischen auf. Fast jede Nation hat daher Schwierigkeiten, ihr Spiel auf diesem Tisch anzupassen.

Diese Heimstärke ist vielleicht der größte Vorteil der Franzosen und sie werden versuchen, diese voll zu nutzen. Auf der anderen Seite könnte sich diese Stärke auch als Schwäche entpuppen. Denn so stark die Franzosen auf ihrem Heimtisch sind, so sehr müssen auch sie ihr Spiel an die Heimtische der anderen Nationen anpassen. Manche Spieler der Französischen Nationalmannschaft bewegen sich regelmäßig auf vielen europäischen Turnieren mit verschiedenen Tischtypen und haben damit weniger Probleme. Anderen widerum sieht man die Umstellungsschwierigkeiten teilweise an. Im Ergebnis ist Frankreich also wahrscheinlich kein Top-Favorit auf den Titel. Nichtsdestotrotz kann Frankreich mit diesem Kader auf zahlreiche sehr erfahrene und starke Spieler zurückgreifen. Diese können es jedem Gegner schwer machen.

Belgien

Nachdem es Eingangs schon erwähnt wurde, darf in dieser Liste Belgien natürlich nicht fehlen. Dieses Team beinhaltet mit Frederic Collignon einen – wenn nicht den – absoluten Topstar des Tischfußballsports. Seine Rekordserien an Titeln und Auszeichnungen werden von keinem anderen Spieler erreicht. Daher kann man fast sicher davon ausgehen, dass er auch im Mannschaftswettbewerb seine Punkte zuverlässig holen wird. Allerdings ist der “Abstand” zum Rest des Teams im Vergleich zu den anderen Nationen relativ groß. Der Kader besteht mit Koen le Percq, Andy Coessens, Dieter Steeman, Erwin Metten, Randy Eliaerts, Giuliano Bentivoglio, Gilles Bloch und Christophe Heraly zwar trotzdem zweifelsohne aus guten Spielern. Dennoch mangelt es manchen Spielern im Vergleich zu anderen Nationen etwas an Turniererfahrung. Auch die individuelle Stärke bewegt sich meiner Meinung nach nicht am oberen Ende der Leistungsskala. Dementsprechend wird es für Belgien meiner Ansicht nach schwer, den Titel zu holen.

Niederlande

Als weitere Nation sind noch die Niederlande zu nennen. Der Kader besteht mit Henk Habets, Mark Dost, Twan Hermans, Rick Wensink, Jeroen Kutaydin, Elroy Starren, Rocco Raven, Hans Willems und Jeffrey Swinkels aus einer eingespielten Truppe, die sich über Jahre hinweg kennen. Dennoch sind im Kader Leistungsunterschiede zu erkennen. Manche Spieler fahren mehr als andere regelmäßig auf Turniere und verbessern dabei stetig ihr Spiel. So genießt ein Doppel bestehend aus Rocco Raven und Henk Habets europaweit Ansehen und ist ganz bestimmt kein „Lieblingsgegner“. Andere Spieler der Niederlande widerum können mit dieser Qualität eher noch nicht mithalten. Daher fehlt es sowohl an absoluten Topstars, als auch an der breite des Kaders. Unterm Strich wäre es meiner Einschätzung nach daher eine große Überraschung, wenn der Titel an die Niederlande geht.

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